Kleiner Texthappen aus dem Brief Nr. 12

„Danke für deinen Brief! Ich habe gehofft, dass mein Kleid dir allmählich alle Verspannungen und Migräneattacken vertreiben wird, rechnete allerdings nicht mit einer so schnellen Wirkung. Trag es so oft wie möglich. Das wird den Effekt verstärken.

Stell dir vor, wir waren zur selben Zeit schwimmen in dieser Nacht. Ich habe lange gearbeitet und dann ebenfalls, gegen vier Uhr früh, beschlossen in den Pool zu gehen. Mein Mann schlief schon lange. Im salzgereinigten Edelstahlbecken schwimmt es sich zwar nur halb so naturnah wie in deinem Biotop, aber es war dennoch herrlich, in das warme Wasser zu steigen. Sich ganz überfließen zu lassen und den sanften Druck des Flüssigen zu spüren, weckt etwas Archaisches tief drinnen in meinen Instinkten. Ich lag dann auch noch mindestens eine Stunde auf der hölzernen Beckenumrandung und verlor mich im Betrachten der Milchstraße. So haben sich unsere Blicke wahrscheinlich jenseits der Atmosphäre, irgendwo in der Dunkelheit des Alls, wo sich jede Gerade irgendwann mit einer anderen kreuzen muss, getroffen. In ausgeglichener Stimmung, so wie in dieser Nacht, begreife ich ganz klar, dass meine Berufung ein Geschenk ist. Dass alle Widrigkeiten, Ärgernisse und das ungeduldige Aufbäumen gegen das Scheitern völlig unsinnig sind. Manchmal erfahre ich Rückschläge, ab und zu will mir etwas nicht gelingen und beizeiten plagt mich einfach der banale Alltagskram. Aber was ist das im Vergleich zu diesem Gleißen und Funkeln oben am Firmament – so weit entfernt, dass wir nur den Abglanz, das Echo, die Vergangenheit der Sterne empfangen? Scheitern oder gewinnen: ein zartes, belangloses Wellenspiel auf der Oberfläche des Erkenntnismeeres, nichts weiter. Deshalb: vergiss nicht, immer wieder aufzuschauen von deinen dicken, juristischen Büchern – hinauf zum Himmel. Dort kann Dein Geist sich frei bewegen und nach allen Seiten strecken. Der Blick zum Himmel ist wichtig für unsere Seele. Wie grausam ist es doch, Verbrecher in Verließe zu stecken mit winzigen Fenstern ohne Ausblick. Wie kann sich eine geschundene Seele dort erholen – so himmel- und freudlos? Irgendwann wird man entdecken, dass gerade derjenige, der außerhalb der Gesellschaft gestrandet ist, in Licht getaucht werden muss, um sich wieder zu finden.

Ich liebe jede Jahreszeit, aber diese feuchtwarmen Sommernächte wühlen mich ungewöhnlich auf, so eng verschmelzen Körper und Geist mit der Luft.

Du schreibst, du hättest etwas Unglaubliches gemacht, bei deinem letzten Anruf in der Kanzlei. Was war das? Etwas Unüberlegtes? Beinahe möchte ich sagen: hoffentlich! Lass dich umarmen, hinter jedem Stern wartet eine neue Freude auf dich!

Deine Akira“

Aus AKIRAS KLEIDER – Geheimnisvolle Briefe aus Wien, Edition Summerhill, 2017

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